Psychologen in Ausbeutung

Zwischen Depression, Burnout und Existenzangst

Jedes Jahr schreiben sich tausende junger Menschen für das Psychologiestudium ein, viele streben den Beruf des Psychotherapeuten/ der Psychotherapeutin an. Die Motivation ist häufig die, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu helfen. 

Das der Weg selbst dorthin so schwer ist, das können die Wenigsten erahnen. Nach dem fünfjährigen Psychologiestudium folgt eine 3-jährige Ausbildung. Die meisten benötigen dafür mehr Zeit, denn in den seltensten Fällen wird man in dieser Ausbildung bezahlt, sodass neben des Berufes als Psychologe zusätzlich gearbeitet werden muss für die eigene Existenz. Psychotherapeuten in Ausbeutung wie sie sich selbst gerne nennen. 

Die Ausbildung verlangt aktuell neben den 600 Stunden Theorieunterricht und 120 Stunden Selbsterfahrung, 1800 h Praxiserfahrung, unterteilt in PIP I =1200 h und PIP II= 600 h, von denen mindestens 1200h in einer Klinik abzuleisten sind. Danach folgen weitere 600 Stunden praktische Tätigkeit als Therapeut unter Supervision. Mit den 600 praktischen Stunden wird die rund 50.000 € teure Ausbildung finanziert, wodurch man umgerechnet für 0 € arbeitet. Für die 1800 Stunden, die in den Kliniken abgeleistet werden, werden Praktikantenverträge vergeben – Psychologen im Praktikum (kurz PiP genannt).. Nicht selten arbeitet man hier für 0 €. 

Wodurch Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, von Psychologen betreut werden, die umsonst arbeiten und selbst zwischen Existenzängsten, Depression und hoher Unzufriedenheit leiden. 

Im Folgenden habe ich einige angehende Therapeuten interviewt. Sie möchten anonym bleiben. 

,, Ein super Gefühl von bittersüßer Erniedrigung gemischt mit Frust und Verzweiflung.“

Julia, 35 Jahre alt.

Als ich die Ausbildung zur Psychotherapeutin begann, arbeitete ich bereits als selbstständige Psychologin.

Bevor ich mit dem PIP I anfing, war ich bei einem Start-up Unternehmen für Online Psychotherapie. Die Arbeitsverfahren waren digitalisiert, es gab die fortschrittlichste Technik, die Räumlichkeiten waren hell und modern. 

Im PIP I bekam ich einen regelrechten Kulturschock. Die Büros in der Klinik waren wirklich stark renovierungsbedürftig, und das nicht auf charmante oder romantische Art. Als ich das erste Mal meinen Computerbildschirm auf dem Schreibtisch verschob, löste sich unter ihm eine klebrig braune Suppe, wahrscheinlich mehrere Jahre alter Kaffee, der irgendwann einmal verschüttet worden war. Ich teilte mir mein Büro mit zwei weiteren Kolleginnen, wir mussten uns bei der Dokumentation abwechseln oder auf freie Räume umsteigen. Viele andere PIAs hatten 5 qm große Büros im 6. Stock des Gebäudes, in den Patienten über eine schmale und extrem steile Treppe fast schon hochkletterten wie an einer Leiter. Gut, dass die meisten körperlich einigermaßen fit waren! Im Sommer wurde es in den Räumen dort 45 Grad heiß, ich erinnere mich, dass eine Kollegin geweint hat, als sie hörte, dass ein anderer Kollege eine Klimaanlage in seinem Raum hatte. Sie hat ihn später wohl mit Schokoriegeln bestochen, um 5min in sein Büro bleiben zu dürfen. Der Computer brauchte geschlagene 25 Minuten jeden Morgen, um hochzufahren und stürzte rund einmal die Woche ab – natürlich mitten beim Verfassen der Entlassungsberichte. Sämtliche Therapiematerialien sollte ich mir selbst kaufen. Die Eingewöhnung war eine ausgedruckte Powerpointpräsentation von 1990, die man am 1. Tag durcharbeiten und dann wieder zurückgeben sollte. Am 2. Tag gab es dann den kompletten Dienstplan und man durfte ins kalte Klinikwasser springen, ein Meer aus therapeutischen Gruppen, Teammeetings, Einzelsitzungen und Dokumentation. 

Ich arbeitete das Jahr unentgeltlich und habe meine Krankenkasse selbst gezahlt. Einen Tag pro Woche konnte ich die Arbeit in meiner Praxis fortführen, um mich finanziell über Wasser zu halten. Während alle anderen in der Kantine der Klinik kostenlos aßen, mussten wir PIAs die Kosten für unser Essen ebenfalls selbst tragen. 

Generell fühlte ich mich- aber das kam auch von dem krassen beruflichen Unterschied, den ich erlebte- am untersten Zipfel der Hierarchie der Klinik angelangt, ein super Gefühl von bittersüßer Erniedrigung gemischt mit Frust und Verzweiflung. Aber es ging voran und die Monate vergingen. Eine Freude war das erfahrene und kompetente Team aus Ärzten und anderen Therapeuten sowie der Community aus wirklich hilfsbereiten PIAs, in der man immer Unterstützung bekam, wenn man mal wieder kurz vor dem Ausrasten war. Außerdem genoss ich die therapeutische Freiheit in der Vorbereitung und Durchführung der Gruppen und der Einzeltermine. Und es gab sowohl Gruppen- als auch Einzelsupervision, bei der man viel über die Arbeit mit den Patienten lernte und seinen Shitstorm sowie angestaute Aggressionen ablassen konnte – wenn man denn wollte.

Nach einem Jahr war der Klinikhorror dann durch und es ging für das PIP II in eine ambulante Praxis. Ich erhoffte mir hier, mehr über das Praxismanagement zu erfahren, da damit im Bewerbungsgespräch geworben wurde. Ich wollte insbesondere lernen, was man bei Therapieanträgen zu beachten hatte, worin die Unterschiede zwischen Selbstzahlern und Kassenpatienten liegen und wie im Allgemeinen eine Praxis läuft. 

Was sich als Praxismanagement herausstellte, sah dann wie folgt aus: Ich durfte die diagnostischen Testungen und Auswertungen für sämtliche Psychologen durchführen, Kontaktanfragen beantworten, einen Blog schreiben, war für die Geschirrspülmaschine zuständig, für das Auffüllen der Seife sowie des Toilettenpapiers der Sanitäranlagen der Praxis, musste Getränke für die Patienten bestellen inkl. Vorbereitung der leeren Kisten für den Lieferanten und ein Mal pro Woche den Müll in die Stinkekammer des Todes der Tiefgarage runtertragen. Außerdem musste für alle Therapeuten gescannt und Anträge versendet werden, abhängig vom Büro, in dem man arbeitete, mit einem Scanner, wo man nur ein Papier pro Datei scannen konnte, also jedes Blatt einzeln. Vielleicht sollte ja damit die Resilienzfähigkeit zukünftiger Psychotherapeuten trainiert werden? 

Als ich dies bei meinen Vorgesetzten ansprach, stellten sie mich vor die Wahl und verdeutlichten mir, dass ich jederzeit gehen dürfte. Aber ich blieb, wie eine Zecke, denn etwas Neues zu finden hätte mich wieder mindestens 6-12 Monate Zeit gekostet.

Bei der PT2 hatte ich zumindest eine Einarbeitungszeit von drei Tagen und durfte mich danach erst allein durch den Praxisdschungel kämpfen. Ich arbeitete 24 Stunden die Woche und bekam rund 300€. Außerdem wurde meine Krankenkasse übernommen. Auch hier war das Team sehr freundlich und offen und man konnte jederzeit Fragen stellen. Es war möglich, mit Vorgesetzten Kompromisse für den Rahmen der Arbeit zu finden sowie frustrierende Momente und Ärger offen anzusprechen. Es herrschte ein vertrautes, lebendiges Klima, welches mir neben den Schwierigkeiten auch viel Dynamik und Inspiration gegeben hat.

Insgesamt bin ich nach drei Monaten praktikumsfreier Zeit überrascht, wie schnell dieses intensive Kapitel meines Lebens „Praktische Tätigkeit“ doch vorbeiging. Besonders im 2. Praktikum war mir aufgefallen, wie sehr ich das letzte Jahr einfach nur „funktioniert“ hatte. Dabei versuche ich doch meinen Patienten immer beizubringen, Dinge bewusst zu tun, zu reflektieren und vor allem nicht immer alle gegebenen Umstände zu akzeptieren. 

Ich hoffe, dass sich die Konditionen für zukünftige Psychotherapeuten in Ausbildung ändern werden und sie mehr Wertschätzung für ihre erbrachte Leistung erhalten. Ich finde, der Fokus unserer Arbeit im Rahmen der Ausbildung sollte darauf liegen, sich seiner Identität als Therapeut bewusst zu werden, den Patienten und seine Bedürfnisse wahrzunehmen und klinische Arbeit nicht nur zu verstehen, sondern zu fühlen. Dies setzt aber voraus, dass man den Raum dafür bekommt. Und den bekommt man unter Geld- und Zeitstress verbunden mit Leistungsdruck gesteigert bis zur zeitweiligen Selbstaufgabe leider nicht. 

Daher komme ich aktuell zu dem Fazit: Die PIA-Zeit ist etwas für Masochisten mit großen Träumen, die so viel Liebe für ihren Beruf entwickelt haben, dass sie den Felsen auch ein 200. Und 300. Mal den Berg wieder hinaufrollen, obwohl sie wissen, dass er danach eh wieder runterrollt.

,,Die Symptome einer Depression habe ich registriert, doch ich wusste einfach nicht, wie ich da rauskommen kann.“

Larissa, 30 Jahre alt

Ich habe meine PIP I in der Gerontopsychiatrie und meine PIP II in einer Rehaklinik absolviert. Für 32 Stunden die Woche habe ich 1200 € Brutto erhalten. Für meine Ausbildung musste ich einen Eigenanteil von 5.500 € zahlen, das habe ich in Raten abgezahlt. 

Das Geld, was ich in der Klinik erhielt, hat vorne und hinten nicht gereicht. Ich musste in der Zeit an mein Erspartes ran. Da ich in einer Stadt wohne, in der die Nachfrage für einen Praktikumsplatz sehr hoch ist und viele Kliniken ihren Praktikanten dort gar nichts zahlen, habe ich mein Praktikum in der Nähe meiner Eltern gemacht, sodass ich 200 Kilometer gependelt bin. Unter der Woche lebte ich bei meinen Eltern und am Wochenende fuhr ich zu meinem Partner in unsere gemeinsame Wohnung.

Vom Praktikum wünschte ich mir, dass ich viel Lernen konnte und praktische Erfahrung sammeln durfte. Ich erhoffte, dass ich Schritt für Schritt eigene Aufgaben übernehmen könnte, Supervision erhalten würde und vielleicht auch bei erfahrenen Psychotherapeuten hospitieren dürfte, um zu erfahren, wie sie arbeiteten. 

Dies sah dann in der Praxis folgendermaßen aus: Nach zwei Tagen Einarbeitung durch eine andere PIA, überließ man mir die gesamte Station. Ich war für 24 Patienten zuständig und sollte Einzelgespräche führen. Vieles musste ich mir in dieser Zeit anlesen. 

Ich wusste gar nicht mehr wo hinten und vorne war. Darüber hinaus war ich einen Tag in der Woche auf der Station für Schizophrenie-Erkrankte, da es auf dieser Station gar keinen anderen Psychologen gab. Hinzu kamen Teamsitzungen, mehrere Stationsvisiten, zwei wöchentliche Gruppentherapien zu spezifischen Themen und die ambulante Weiterbehandlung einiger Patienten. Jeden Tag arbeitete ich 1-2 Stunden länger, um den Anforderungen zu genügen und hatte innerhalb weniger Monate über 80 Überstunden angesammelt.

Mein Alltag bestand aus Arbeit. Am Abend kam ich völlig kaputt nach Hause und hatte keine Kraft mehr für andere Aktivitäten. Ich ging sofort in mein Bett, um mich auszuruhen. Die Symptome einer Depression habe ich registriert, doch ich wusste zu dem Zeitpunkt einfach nicht, wie ich da rauskommen kann. Ich versuchte es mit Sport und anderen ausgleichenden Unternehmungen, hatte aber keine Kraft. Zu den depressiven Symptomen kamen tägliche Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Schlafstörungen hinzu. Ich fühlte mich ausgelaugt.

Ich hatte Existenzängste. Wenn Freunde mich fragten, ob wir etwas unternehmen wollten, fragte ich mich immer, ob ich mir das überhaupt leisten könne. Wenn etwas kaputt gegangen wäre, wie mein Auto, mit dem ich pendelte, hätte ich mir keine Reparatur leisten können. Ich arbeitete so viel wie andere, musste aber schauen, dass ich über die Runden kam. Irgendwann machte es mich einfach wütend, dass ich als Psychologin einen Praktikantenvertrag und ein Praktikantengehalt bekam, obwohl ich so viel Verantwortung trug. 

Die Ungerechtigkeit liegt meiner Meinung nach in der Politik – daran welche Berufsgruppe, welche Lobby hat. Da sind die Psychologen eher schlecht vertreten. 

Trotzdem gab es auch schöne Momente: Wenn Patienten einem danken und man von den Kollegen geschätzt wird. Wenn ich sehe, dass das, was ich gelernt habe, beim Patienten wirkt. Das ist das Beste. 

Heute weiß ich, dass es in der damaligen Situation mit meiner Erfahrung gar nicht zu schaffen war. 

Ich weiß, dass ich nirgends so viel gelernt habe wie dort, aber ich wünsche es niemandem und hoffe, dass es anderen angehenden Psychotherapeuten erspart wird und die Reform etwas an der Situation verändert.

 

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